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| Peter Dinges |
Peter Dinges
Vorstand der Filmförderanstalt (FFA)
Andreas Kramer
stellv. Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater (HDF-Kino)
„Es wurden Filme produziert, die nicht das Interesse der Zuschauer ansprechen“
Besucherrückgang in deutschen Kinos im 1. Halbjahr um 16 Prozent
Deutsche Filme konnten Ausfälle der US-Blockbuster nicht ganz kompensieren
Kinobetreiber reagieren mit neuen Konzepten auf demografischen Wandel in der Gesellschaft
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| Andreas Kramer |
Nur 60,3 Millionen Besucher gingen im 1. Halbjahr 2005 ins Kino. Das macht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Minus von 12 Millionen Besuchern oder 16,6 Prozent aus. Und mit 352,5 Millionen Euro Umsatz flossen am Ende trotz einer leichten Preiserhöhung 67 Millionen Euro weniger in die Kinokassen als im 1. Halbjahr 2004. Damit fehlten in den alten Bundesländern rund ein Sechstel der Besucher und des Umsatzes, in den neuen Bundesländern gar ein Fünftel.
Für sehr gute Besucherzahlen sind nach wie vor die amerikanischen Blockbuster unabdingbar und die blieben in diesem Halbjahr auf ganzer Breite aus. Die US-Produzenten produzieren derzeit nicht nur vielfach am europäischen Publikumsgeschmack vorbei, sondern auch an dem der Kinofans im eigenen Land. Zulegen konnte der deutsche Film. So entschieden sich im ersten Halbjahr 11,8 Millionen Besucher für eine deutsche Produktion, das bedeutet gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von fast 25 Prozent. Dadurch konnte das Gesamtminus, etwas abgemildert werden.
promedia: Herr Dinges und Herr Kramer, warum geht man trotz moderner Videotechnik heute noch ins Kino?
Kramer: Das hat verschiedene Gründe. Man hat das Erlebnis des Raumes, der großen Leinwand, des fantastischen Tones und man nimmt ein Kulturprodukt mit anderen Menschen wahr. Das Lachen und Weinen in der Gemeinschaft hat einen ganz anderen Effekt und eine ganz andere Bindungswirkung als zu Hause. Das ist die Faszination, die vom Kino ausgeht und die es auch lang- und mittelfristig zu dem herausragenden Ereignis für den Film macht. Damit kann Video nicht konkurrieren.
Dinges: Zwei Sätze, die wir alle wie selbstverständlich sagen, machen den Unterschied doch schon deutlich. So heißt es einerseits: Ich gehe ins Kino, in einen Film. Und auf der anderen Seite: Ich schaue mir einen Film auf Video oder DVD an. Das sagt alles über die unterschiedliche Intensität der Erlebnisse und wie die Leute darüber denken.
promedia: Trotzdem hat das Kino einen deutlichen Besucherrückgang im ersten Halbjahr zu verzeichnen, die Zahlen liegen bei denen aus dem Jahr 1996. Das Raum- und Gemeinschaftserlebnis alleine scheint also nicht auszureichen...
Dinges: Das Gemeinschaftserlebnis alleine reicht tatsächlich nicht aus. Man benötigt auch das entsprechende Produkt, also den Film, der die Leute ins Kino zieht. Da gibt es keine „Selbstgänger“ mehr, denn auch das Verhalten der Kinozuschauer hat sich natürlich über die Jahre geändert.
Die Produktauswahl unterliegt wechselnden Kriterien, Budgets und Zeit für Medien sind begrenzt, der DVD-Verkauf boomt – also überlegen sich die Kinobesucher sehr viel genauer, warum und in welchen Film sie gehen.
promedia: Haben die Kinobesitzer bei der Auswahl der Filme falsch entschieden, so dass dadurch weniger Zuschauer gekommen sind?
Kramer: Ich glaube nicht, dass die Kinobesitzer, sondern diejenigen, die die Filme produzieren und anbieten, falsch entschieden haben. Es wurden Filme produziert, die nicht das Interesse der Zuschauer ansprechen. Der Kinobetreiber ist mit einem unbefriedigenden Filmangebot konfrontiert, mit dem sich die Besucherzahlen im Moment nicht erhöhen lassen. Dennoch sollten wir nicht kurzfristig denken, sondern den Kinobesucher im Kontinuum sehen.
Von 1995 bis heute haben wir, von Ausnahmen abgesehen, ein stetiges Besucherwachstum zu verzeichnen. Wenn das Filmangebot stimmt, steigt der Kinobesuch. Wenn es gelingt, das Besucherinteresse zu treffen und einen Film eng am Besucher zu platzieren, steigen Umsätze und gleichzeitig die Bindung an das Kino. Diese Situation haben wir im Moment weder in Deutschland noch in Europa und bezeichnenderweise auch nicht in den USA, wo ein Besucherrückgang von über 10 Prozent zu verzeichnen ist. Die US-Verleiher sind nicht in der Lage, die Besucherinteressen im eigenen Land zu erkennen.
Dinges: Ich glaube fest daran, dass der US-amerikanische und auch der deutsche Kinomarkt sehr schnell auf das neue Zuschauerverhalten reagieren werden, und dass es in dieser Hinsicht für die Zukunft keinen Grund zu langanhaltenden Bedenken geben muss.
promedia: Der Marktanteil für den deutschen Film im ersten Halbjahr von etwas über 19 Prozent ist sehr erfreulich. Zeigt sich darin eine grundsätzliche Veränderung bei den inhaltlichen Anforderungen, wie wir es analog Mitte der 90er Jahre im Fernsehen erlebt haben, als deutsche Produkte zunehmend amerikanische verdrängt haben?
Dinges: Zunächst ist diese Entwicklung in ganz Europa zu verfolgen, überall wird ein Anwachsen des nationalen und der Rückgang des internationalen Marktanteils registriert. Viele deutsche Filme beschäftigen sich mit der Frage nach der Identitätsfindung und der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Sie treffen auf ein älter werdendes Publikum, das sich damit beschäftigen möchte.
Aber im Großen und Ganzen wird auch der nationale Film nicht von Besuchereinbrüchen verschont bleiben, wenn die Qualität nicht stimmt.
Dazu muss man sich nur die Juli-Zahlen ansehen: Da war der deutsche Marktanteil nicht stark und hat gegenüber den US-amerikanischen Produkten geschwächelt.
Kramer: Wir konnten gerade im letzten Jahr lernen, welches Kreativpotenzial in Deutschland vorhanden ist und wo das Interesse der Kinobesucher liegt. Hier zeichnet sich eine großartige Entwicklung ab. Jetzt brauchen wir Kontinuität. Es sollte keine Lücken an guten Filmangeboten entstehen. Wir brauchen das ganze Jahr über gute deutsche Filme, unabhängig davon, wie viele amerikanische Filme auf den Markt gebracht werden. Wenn das gelingt, lassen sich der deutsche Marktanteil auf einem hohen Niveau stabilisieren und neue Besucherschichten entwickeln.
In zehn Jahren ist jeder Zweite in Deutschland älter als 40 Jahre. Hier liegt die Zielgruppe der Zukunft mit einer hohen Affinität zum deutschen Film. Wir müssen das vorhandene Kreativpotenzial ausschöpfen und darüber nachdenken, wie finanzielle und politische Rahmenbedingungen zu gestalten sind, um den deutschen und den europäischen Film zu stärken.
promedia: Müssten dann nicht die Verleiher ihren Werbedruck erhöhen und die Kinobetreiber mehr Geduld mit dem deutschen Film haben und ihn öfter einsetzen, um noch mehr Zuschauer für den deutschen Film zu gewinnen?
Kramer: Sie sprechen einen wunden Punkt an. Momentan konzentriert sich der Werbedruck aufgrund der vielen Filmstarts im Jahr auf einen relativ kleinen Zeitraum, in dem ein Film wirken kann. Neben dem Blockbuster, gibt es aber auch Filme, die eine andere Art von Kommunikation und so etwas wie soziales Marketing benötigen. Die Übermittlung von Meinungen und Botschaften im persönlichen Kontakt braucht Zeit. Wir sollten die Zahl der Filmstarts reduzieren, damit die verbleibenden Filme, je nach Kinostandort und Genre, eine längere Reifezeit im Kino haben. Die Verleiher dürfen flexibler werden und in kleineren Filmtheatern neben den Blockbustern auch auf interessante und nicht ganz so zuschauerstarke Filme setzen. Der Kinobetreiber braucht die Möglichkeit, sein Publikum anzusprechen und zu entwickeln.
promedia: Wäre es da nicht sinnvoll, auch weniger Filme zu fördern, um dann eine bessere Auswertung, Werbung und Verwertung zu erzielen?
Dinges: Das ist nicht der richtige Weg. Zunächst einmal geht es natürlich darum, die richtigen Filme zu fördern, aber ob das automatisch durch weniger Filme erreicht werden kann, sei dahingestellt. Die Stärke des deutschen Films liegt in seiner Vielfalt und da hat sich einiges auch in der Wahrnehmung der Zuschauer verändert.
Die Zeiten, in denen sich der Boom fast ausschließlich auf deutsche Komödien gründete, ist vorüber. Wir fördern heute sehr unterschiedliche Filme, die sich an die verschiedenen Altersgruppen richten. Die Anzahl dieser Filme zu reduzieren, würde eine Einschränkung dieser Vielfalt bedeuten. Aber es kann sicherlich auch nicht schaden, sich Gedanken darüber machen, ob wir mit dem hohen Output an deutschen Filmen genügend Zuschauer erreichen - und wie viel mehr Qualität man benötigt, um vielleicht den Erfolg auf noch mehr Filme verteilen zu können.
promedia: Braucht das deutsche Kino nicht dennoch mehr Eventfilme?
Kramer: Die große Chance des deutschen Films liegt in seiner Vielfalt, die nicht eingegrenzt, sondern herausgestellt werden sollte. Durch Marktforschung lässt sich die Brücke zwischen den notwendigen Filmstoffen und dem Filmangebot hin zu dem sich wandelnden und immer älter werdenden Kinopublikum schlagen. Der Rückblick auf die letzten Kinojahre lässt einen gewissen Mechanismus für erfolgreiche Filme erkennen. Deutsche Komödien sind z.B. mitten im fantastischen Sommer gestartet und haben Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt. Dies dürfte jeden amerikanischen Marketingchef ins Grübeln bringen. Die Mischung von TV-Präsens wie z.B. bei „Bully“ Herbig oder Otto und Kino, wird auch in anderen Genres funktionieren. Es wäre schade, wenn es nur noch Eventkino gäbe und der Kinobesucher auf die vielen anderen Spielfilmformen verzichten müsste. Das beste Beispiel ist, „Alles auf Zucker“. Dieser Film wurde ursprünglich für das Fernsehen produziert und funktioniert sehr gut im Kino.
Wir brauchen eine bessere Kommunikation zwischen den Branchenpartnern, um herauszufinden, wie ein Film in den einzelnen Verwertungsstufen optimal platziert werden kann. Warum sollte es nicht von TV-Eventfilmen, wie z.B. bei „Der Tunnel“ oder „Das Wunder von Lengede“ auch eine Kinofassung geben?
promedia: Ein großer Teil der Kosten eines großen TV-Eventfilmes entfällt auf die Werbung für diesen Film. Muss nicht auch im Spielfilmbereich der Werbedruck erhöht werden, indem sich z.B. die FFA mehr dafür einsetzt?
Dinges: Die Promotionsmaßnahmen, die momentan über die FFA gefördert werden, sind finanziell begrenzt. Deshalb müssen wir nach neuen Formen suchen. Die TV-Spots zu deutschen Spielfilmpremieren in den Sendern waren dem Erfolg des deutschen Films sehr zuträglich. Diese Partnerschaft und Zusammenarbeit mit den TV-Sendern, aber vielleicht auch mit der Videoindustrie, sollte ausgebaut werden.
promedia: Die Kinos haben auf ein junges Zielpublikum gesetzt, das allerdings geringer wird. Das erfordert doch auch neue Inhalte für neue Zielgruppen...
Kramer: Selbstverständlich. Wir benötigen nicht nur entsprechende Filmstoffe und Inhalte, sondern auch eine adäquates Ambiente, um neue Besucher für das Kino zu entwickeln und vorhandene ans Kino zu binden. Die inhaltlich anspruchsvolleren deutschen Filme der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass das auch funktioniert. Da gingen Personen ins Kino, die seit 20 Jahren nicht mehr im Kino waren.
promedia: Die Multiplex-Kinos werden also eine Rekonstruktionsphase erleben, von den großen Kinosälen hin zu kleinen Kuschelräu-men?
Kramer: Ich glaube nicht, dass wir einzelne Betriebstypen gegeneinander ausspielen sollten. Jeder Typ hat sein Publikum und wird das auch behalten. Die Zahlen der FFA zeigen, dass es eine Zunahme an Kinobetreibern und Kinosälen gibt und einen Rückgang an Betriebsstätten. Es gibt einen Trend hin zu kleineren Einheiten. Eine Marktbereinigung wird an der einen oder anderen Stelle stattfinden, aber die Kinobranche wird aufgrund ihrer Flexibilität vieles kompensieren können.
promedia: Entstehen gegenwärtig mehr Arthouse-Kinos?
Dinges: Nein, die Zunahme der Betreiber und Säle ist die Folge einer längerfristigen Planung. Natürlich wird der Markt aber auch auf die gegenwärtigen Zuschauerzahlen reagieren. Das zeigt schon die Tatsache, und dass bei der FFA die Zahl der Anträge auf Unterstützung der Neuerrichtung von Kinos drastisch zurückgegangen ist. Es werden also kaum noch neue Kinos gegründet. Doch die steigende Zahl der Anträge auf Modernisierung von Kinos zeigt uns, dass der Markt dem Zuschauerbedürfnis nach konkurrenzfähigen Kinos als Erlebniswelt angemessen Rechnung trägt.
promedia: Wie groß ist die Gefahr, dass Kinos angesichts der Zahlen im ersten Halbjahr Insolvenz anmelden werden?
Kramer: Eine Bilanz wird am Ende des Jahres gezogen. Wir haben noch einige gute Filme in der Pipeline. Ich glaube, dass eine gute Chance besteht, dass sich die schwierige Situation des ersten Halbjahres in der zweiten Jahreshälfte positiv verändern wird.
promedia: Was wünschen sich die Kinobetreiber denn von der FFA?
Kramer: Wir sind mit der FFA zufrieden und wünschen uns lediglich an der einen oder anderen Stelle strukturelle Änderungen und Verbesserungen. Die FFA steht auf der Seite der Kinos und ermöglicht individuelle Lösungen bei Herausforderungen an die Kinobetreiber. Gemeinsam können wir darüber reden, wie ein neues Filmförderungsgesetz aussehen könnte und wie der Wandel in der Bevölkerung oder die Digitalisierung durch das Fördersystem unterstützt werden kann. Die FFA hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie flexibel reagieren kann.
Dinges: Ich glaube auch nicht, dass die FFA das Allheilmittel für alle Probleme des Marktes bereit halten sollte und kann. Das ist Sache des Marktes selbst. Wir brauchen jedoch einen direkten und unmittelbaren Dialog der Marktteilnehmer - Kino, Video, Produktion und Entwicklung bis hinein in die Hochschulen - untereinander, damit die Bedürfnisse der Kinozuschauer besser berücksichtigt werden können. Diesen Dialog zu suchen, bedeutet die Bereitschaft, jede Chance zur Verbesserung des Produktes Kino nutzen zu wollen.
promedia: Sie verlassen sich also nicht auf amerikanische Filme, die in ein paar Monaten vielleicht wieder mehr Publikum binden, sondern Sie setzen auf den deutschen Film, wenn Sie an das Überleben des deutschen Kinos denken...
Kramer: Selbstverständlich. Wenn wir neue Besucherschichten entwickeln und auf die Alterspyramide reagieren wollen, wird der deutsche Film in Zukunft eine ganz zentrale Rolle spielen. Deshalb müssen Rahmenbedingungen, zu denen Tax Incentives, German Spend, Medienerlass etc. gehören, unbedingt verbessert werden.
promedia: Es wandelt sich ja nicht nur das Publikum, sondern auch die Technik. Bis 2008 sollen in jedem zweiten Haushalt 16:9-Fernseher stehen, und Filme in Kinoqualität liefern. Hat das nicht Konsequenzen für die Kinos?
Dinges: Bislang gilt das ungeschriebene Gesetz, dass das Kino die Hauptmarketingplattform der Verwertungskette ist. Wer sich zu Hause einen Film in HD-Qualität anschaut, hat in der Regel den Film schon vorher im Kino oder im Fernsehen gesehen und für gut befunden. Es handelt sich also immer noch um eine Zweitverwertung. Wir haben beim Spielfilm einen Mehrfachnutzer als Kunden, der den Film im Kino sieht, sich dann eine DVD kauft oder leiht, ihn sich dann vielleicht sogar auch noch im Pay-TV und auf jeden Fall im Free-TV anschaut - und das meist in Wiederholungen.
Deswegen sehe ich den aufkommenden Heimkinobereich mit seinen technischen Verbesserungen als Herausforderung für die technische Nachbesserung der Kinos, aber nicht als den Feind Nr. 1.
Kramer: Wir sollten uns hüten, zwischen den einzelnen Verwertungsstufen Mauern aufzubauen. Der Wandel in der Medienwelt und in der Wahrnehmung von Filmen zeigen, dass wir Partner werden müssen. Bei „Alles auf Zucker“ hat diese Kommunikation und Kooperation hervorragend funktioniert. Wir müssen die Mehrfachnutzung des Films unterstützen und pflegen, so dass alle Seiten profitieren.
promedia: Die Produzenten kämpfen um eine Verkürzung des Auswertungszeitraums, so dass Filme noch schneller auf DVD herauskommen. Trägt das nicht auch dazu bei, sich den Film dann zu Hause statt im Kino anzuschauen?
Kramer: Es ist ganz entscheidend, zu analysieren, wie sich die einzelnen Verwertungsstufen miteinander verzahnen und beeinflussen. Hierzu ist der Ausbau der Marktforschung unabdingbar. Stimmt es, dass sich ein verlängertes Kinoauswertungsfenster negativ auf den DVD-Verkauf und –Verleih auswirkt? Vielleicht ist es genau umgekehrt und man kann nach sechs Monaten, wenn ein Film auf DVD herausgebracht wird, mit den Kinos gemeinsam eine Aktion planen und die Filme erneut ins Kino bringen. Ich denke, dass eine Verkürzung des Kinofensters, um schneller mit dem Geld aus dem DVD-Verkauf neue Filme zu produzieren, auf eine schräg laufende Self-fulfilling-prophecy hinausläuft. Es werden dann immer mehr und oberflächlichere Filme produziert, die den Kinobesucher nicht mehr erreichen.
Wir müssen genau überlegen, wie wir in den einzelnen Verwertungsstufen mit dem Produkt Film umgehen, damit genug Benefit und Nutzen nicht nur für Kino, Verleih und DVD, sondern vor allem für die Kinobesucher entstehen. Wir legen nach wie vor sehr viel Wert darauf, dass das Kino an erster Stelle der Verwertungskette steht und nicht zur reinen Marketingplattform verkommen darf – erst Kino garantiert das Erlebnis Film.
promedia: Werden wir zum Jahresende bei den Besucherzahlen ein großes oder kleines Minus zu erwarten haben oder werden wir uns den Zahlen von 2004 nähern?
Dinges: Ich bin da angesichts der letzten Turbulenzen sehr vorsichtig. Überraschungen, negative wie positive sind offenbar jederzeit möglich. Ich glaube aber, dass wir bis zum Jahresende nicht die Ergebnisse aus dem Jahr 2004 erreichen werden. Nicht jedes Jahr gibt es die Millionenseller wie „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ gleich im Dutzend oder ein „Traumschiff“ oder einen „Untergang“. Deshalb plädiere ich auch dafür, sich bei Analysen im Fünfjahresvergleich zu bewegen oder sogar noch längere Zeiträume anzuschauen. Und genau das werden wir am Ende dieses Jahres auch tun.
Kramer: Für mich ist entscheidend, dass es unabhängig von der absoluten Besucherzahl gelingt, eine dauerhafte Entwicklung des Besucherpotenzials zu erreichen. Das kann bedeuten, dass selbst wenn die Zahlen Ende 2005 unter denen von 2004 liegen, der Kernbereich des älteren Publikums eine ganz stabile Basis bildet, die im nächsten Jahr und darüber hinaus zu einem Wachstum führen kann. Hier habe ich ein gutes Gefühl und bin deshalb optimistisch.