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Erfolgreicher Abschluss des M100 Sanssouci Colloquium 2016 in Potsdam

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Mit der festlichen Verleihung des M100 Media Awards an den italienischen Schriftsteller und Journalisten Roberto Saviano („Gomorrha“) ist die internationale Medienboard-geförderte Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium am 15. September 2016 in der Orangerie von Potsdam erfolgreich zu Ende gegangen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt die politische Hauptrede des  Abends.

An Roberto Saviano, der seit Erscheinen seines Buchs vor zehn Jahren über die neapolitanische Camorra von der Mafia bedroht wird und mit seiner Familie unter Polizeischutz ein Leben im Untergrund führt, wendete sie sich mit einem klaren Bekenntnis zur Pressefreiheit: „Wir müssen die Pressefreiheit immer wieder aufs Neue verteidigen und uns immer wieder daran erinnern, wie schnell sie in Gefahr geraten kann – auch bei uns in Europa. Pressefreiheit besteht aus der Abwesenheit staatlicher Einflussnahme und Zensur. Pressefreiheit umfasst auch die Freiheit, Missstände aufdecken und über sie berichten zu können, ohne Nachteile oder gar Gefahren befürchten zu müssen.“ Und sie schloss mit Bezug auf das am Nachmittag abgehaltene M100 Sanssouci Colloquium ein weiteres Bekenntnis an, nämlich für ein geeintes Europa: „So wie sich der M100 Media Award als europäischer Preis versteht, so richtet auch das Kolloquium, in dessen Rahmen er heute verliehen wird, seinen Blick auf die Situation in Europa.“ Und weiter: „Niemals dürfen wir vergessen, dass wir es maßgeblich der europäischen Integration zu verdanken haben, wenn wir heute nicht mehr auf einem Kontinent der Kriege, der Unfreiheit und der Gegensätze leben, sondern immer noch in einer Union des Friedens, der Freiheit, des Wohlstands, der Stabilität und der guten Nachbarschaft. Die Europäische Union hat in ihrer Geschichte vieles erreicht, was für vergangene Generationen kaum vorstellbar war. Auch jenseits der großen historischen Linien, in unserem Alltag, profitieren wir täglich von europäischer Integration; und zwar häufig, ohne es uns bewusst zu machen: durch freies Reisen, durch unsere gemeinsame Währung, durch unsere vielfältigen persönlichen Begegnungen.“

Die Laudatio auf Roberto Saviano hielt der Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT Giovanni di Lorenzo. Di Lorenzo lobte die Auszeichnung für Saviano: „Roberto Saviano ist angewiesen auf den Rückhalt jener Gesellschaft, der er mit seiner Arbeit immer wieder die Augen geöffnet hat – gerade weil manche ihre Augen lieber wieder schließen, sich wegdrehen, von all dem nichts wissen wollen.“  Und weiter: „Ein Abend wie dieser trägt dazu bei, Roberto Saviano in seiner Heimat wieder ein Stück sicherer zu machen. Es ist nämlich ein großartiges Zeichen der Solidarität, das er hier in Potsdam erlebt – durch die Verleihung des M100 Media Awards. ‚Es wird Situationen geben’, hat Roberto einmal gesagt, ,in denen ich angreifbarer sein werde, weil man mich weniger beachtet. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist für ihn nicht nur schmückendes Beiwerk oder schmeichelnde Geste. Sie ist eine Art Lebensversicherung.“

Roberto Saviano selbst bedankte sich für den Preis und rief die anwesenden europäischen Pressevertreter dazu auf, den Mut zu haben, komplexe Zusammenhänge auch als solche darzustellen und nicht zu verkürzen. Er widmete seinen Preis dem türkischen Journalisten und Autor Ahmet Altan und seinem Bruder, dem Wirtschaftsprofessor Mehmet Altan, die am 10. September in der Türkei inhaftiert wurden.

Unter der Überschrift „Krieg oder Frieden“ diskutierten die rund 70 Teilnehmer der inzwischen 12. Ausgabe des M100 Sanssouci Colloquiums den Tag über in einem Roundtable-Format die Rückkehr geopolitischer Handlungsstrategien, die schleichende europäische Desintegration, die zunehmende Radikalisierung westlicher, nahöstlicher und anderer Gesellschaften sowie die Rolle und Verantwortung der Medien in diesen Entwicklungssträngen.Eröffnet wurde das M100 Sanssouci Colloquium von dem renommierten Historiker Prof. Dr. Dan Diner, der an der Hebräischen Universität Jerusalem moderne Geschichte lehrt und zwischen 1999 und 2004 Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig war. Er warnt vor derzeit erkennbaren „Mustern politisch-militärischen Handelns, die auf Lagen verweisen, die verstörend an das 19. Jahrhundert gemahnen. In erster Linie auf die Konstellation des Krim-Krieges 1853/56.“ Diese „mögliche geopolitisch semantisierte Konfliktkonstellation würde verschärft Fragen nach der Zukunft des europäischen Einigungsprojekts im Allgemeinen und die Rolle Deutschlands im Besonderen nach sich ziehen.

In den drei über den Tag verteilten Sessions der Konferenz war die unübersichtliche, von Krisen geschüttelte Lage in Europa das beherrschende Thema. Die Teilnehmer diskutierten über „Europa zwischen autokratischen Herausforderungen und Desintegration“, Europäische Außenpolitik sowie Europas Medien und die Informationskrise. Weiterer spannender Programmpunkt war ein „Special Talk“, in dem Kai Diekmann den ehemaligen Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“, Can Dündar, interviewte. Dündar hatte gemeinsam mit einem Kollegen über türkische Waffenlieferungen nach Syrien berichtet, beide waren dafür verhaftet worden.  Nach einem fünfmonatigen Gefängnisaufenthalt kam Dündar vorläufig frei und setzte sich in die EU ab. Seiner Frau wurde der Pass weggenommen und die Ausreise aus der Türkei verweigert. Mittlerweile ist ein erneuter Haftbefehl gegen ihn erlassen worden. Dündar sagte, die Türkei sei „das weltgrößte Journalistengefängnis. Ein Polizeistaat, mehr als 120 Journalisten sitzen in Haft.“ Man könne im Prinzip zwar schreiben was man wolle, aber der Preis sei hoch: „Man riskiert, angeklagt oder ermordet zu werden.“ Und er wünscht sich, dass Deutschland die Türkei drängt, zur Demokratie zurückzukehren.


Im Vorfeld des Colloquiums beschäftigten sich 25 ausgewählte Nachwuchsjournalisten aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft, aus Russland sowie aus allen anderen Ländern Europas im Rahmen des fünftägigen Programms M100 Young European Journalists mit dem Thema "Investigative Journalism – Techniques, Topics, Mission and specific Challenges“. Inhalt des  Workshop waren in diesem Jahr Arbeitstechniken und Methoden der investigativen Recherche, besonders der Korruptions- und Kriegsberichterstattung, Fragetechniken, Quellenschutz, der Arbeit mit Daten sowie rechtliche Fragen. Die einzelnen Module wurden von professionellen Trainern und investigativen Journalisten der Kooperationspartner Correct!v, ICIJ, Netzwerk Recherche und OCCRP geleitet.

Über das M100 Sanssouci Colloquium

Das M100 Sanssouci Colloquium ist eine Veranstaltung der Landeshauptstadt Potsdam und des Vereins Potsdam Media International e.V.. M100 wurde 2005 von Jann Jakobs, Lord Weidenfeld und Moritz van Dülmen im Rahmen der Bewerbung Potsdams zur Kulturhauptstadt 2010 initiiert und fand 2016 zum zwölften Mal statt. Gefördert wurde die Veranstaltung von der Stadt Potsdam, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Auswärtigen Amt.